Archiv | Februar, 2012

Die Tribute von Panem – Suzanne Collins

16 Feb

Den ersten Teil der Trilogie „Tödliche Spiele“ habe ich bereits kurz nach dessen Erscheinen in Deutschland gelesen und war begeistert, weshalb mir nicht klar ist, warum ich die Trilogie zunächst nicht weiter verfolgt habe. Als ich neulich durch Zufall auf den Filmtrailer stieß, hat es mich dann aber doch wieder gepackt und ich habe mir bei Amazon alle drei Bände im Schuber bestellt.

Inhalt

Die Trilogie ist in dem fiktiven Land „Panem“ angesiedelt, das nach der Zerstörung Nordamerikas durch Krieg und Naturkatastrophen auf diesem Gebiet entstanden ist. Herzstück des Landes ist das Kapitol, die Hauptstadt, das durch die 13 Distrikte mit Konsumgütern versorgt wird und diese kontrolliert. Abhängig davon, was ein Distrikt produziert, ist dessen Stellung und Wohlstand. Die Distrikte sind vollkommen voneinander abgeschottet, sodass keinerlei Austausch oder Kommunikation möglich ist.

In Distrikt 12, auf dem das Hauptaugenmerk liegt, wird Kohle gefördert. Die Armut in der Bevölkerung ist groß und zugleich birgt die Arbeit in den Minen große Gefahr. Seit Katniss Everdeen, die Hauptperson der Trilogie, bei einem Grubenunglück ihren Vater verlor, versorgt sie ihre Mutter und ihre kleine Schwester, indem sie verbotener Weise gemeinsam mit ihrem Freund Gale jagen geht und auf dem Schwarzmarkt handelt, womit sie ihr Leben aufs Spiel setzt, da wildern mit dem Tode bestraft wird. Die Gesetze, die das Kapitol den Distrikten diktiert, werden durch sogenannte Friedenswächter durchgesetzt, die nach ihrer Stationierung in Distrikt 12 größtenteils eigenmächtig über Sanktionen entscheiden können, sodass Katniss die Vorliebe des obersten Friedenswächters für ihr Wild zugute kommt.

Das Kapitol übt konsequent Kontrolle über die Distrikte aus und demonstriert seine Macht, um einen Aufstand zu verhindern. Als grausame Erinnerung an einen gescheiterten Aufstand der Distrikte gegen das Kapitol, bei dem Distrikt 13 ausgelöscht wurde, finden alljährlich die sogenannten Hungerspiele statt, bei denen Tribute aus den Distrikten in einer Arena gegeneinander antreten und sich brutal bis zum Tode bekämfen, da nur ein Tribut gewinnen und somit überleben kann. Die Tribute werden unter den 12-18 Jährigen ausgelost. Aus jedem Distrikt treten ein Junge und ein Mädchen an.

Als Katniss‘ kleine Schwester ausgelost wird, meldet sie sich freiwillig als Tribut, um sie zu beschützen und liefert sich so dem Kapitol aus. Dabei ist ihr in keiner Weise bewusst, was sie dadurch auslösen wird!

Zwischen den Zeilen

Suzanne Collins erschafft mit großem Ideenreichtum, der immernoch ausreichend in der Realität verankert ist um sich darin wiederzufinden, eine geradezu verstörende Dystopie. Panem ist ein Land, in dem  ein reiches Zentrum sich durch die Ausbeutung rohstoffreicher Gegenden immer weiter bereichert, wodurch die Distrikte in Abhängigkeit und Armut gehalten werden, die sich gegenseitig bedingen. Diese Ausbeutung erinnert stark an die Kolonialisierung Afrikas.

Das Kapitol, dessen Bewohnerinnen und Bewohner die Hungerspiele nicht fürchten müssen und auch sonst ein recht unbeschwertes Leben führen, ist in vielerlei Hinsicht eine Überspitzung westlicher, kapitalistischer Gesellschaften. Das Fernsehen ist eines der wichtigsten Propagandainstrumente und die Hungerspiele, die jedes Jahr für den Tod von 23 jungen Menschen verantwortlich sind, werden als medialer Höhepunkt zelebriert. Neben der Unterhaltung durch Fernsehspektakel widmen sich die Bewohnerinnen und Bewohner des Kapitol vornehmlich ihrem Äußeren, wobei schrille Haarfarben und Gesichtstatoos angesagt sind. An vielen Stellen finden sich Verweise auf übertriebene Schönheitsoperationen. Die Gespräche im Kapitol kreisen um materielle Besitztümer und während die Menschen in den Distrikten verhungern, erbrechen Gäste auf Partys im Kapitol, um weiter Essen in sich hinein schaufeln zu können. Dieses durchweg oberflächliche Verhalten, das in krassem Gegensatz zu den prekären Verhältnissen in den Distrikten steht, wird von den Bewohnerinnen und Bewohnern selbst überhaupt nicht wahrgenommen, da es mehr oder weniger ihr einziger Lebensinhalt ist.

Meinung

Die Tribute von Panem zeigt, was Freundschaft in einer hoffnungslosen Situation bedeutet und verweist auf die Grausamkeit totalitaristischer Systeme, in denen der Mensch als Individuum nichts zählt. Dabei wird immer wieder an die heutige kapitalistische Gesellschaft angeknüpft, sodass gerade Jugendliche, für die diese Trilogie ausgelegt ist, zum Nachdenken, über das bestehende System angeregt werden.

Die Trilogie ist als Jugendbuch angelegt und daher sprachlich eher einfach gehalten. Dennoch werden die Figuren und die Geschichte mit all ihren Grausamkeiten gut herausgearbeitet, sodass man die Bücher gut „in einem Rutsch“ lesen kann, zumal die ganze Zeit eine Grundspannung aufrecht erhalten wird, die des einem Stellenweise unmöglich macht, das Buch aus der Hand zu legen.

Die Kritik, das Buch sei eben für Jugendliche zu brutal, teile ich nicht, da ich zum einen denke, dass diese mehr abkönnen, als man ihnen zutraut und zum anderen finde, dass die beschriebenen Grausamkeiten elementarer Bestandteil der Handlung sind und maßgeblich dazu beitragen, das eigene und noch mehr totalitaristische Systeme in Hinblick auf ihre Erhaltungsmechanismen zu hinterfragen.

Insgesamt finde ich den ersten Band absolut lesenswert und mitreißend. Im Gegensatz dazu haben mich Band zwei und drei eher enttäuscht, obwohl sie einige gute Ideen und unerwartete Wendungen enthalten, weshalb ich froh bin, die Geschichte abgerundet zu haben.

Wer durch die Panem Trilogie angefixt wurde und Lust hat, weitere dystopische Romane zu lesen, sollte zunächst dringend zu Klassikern wie Huxleys „Schöne neue Welt“ oder Orwells „1984“ greifen, die immernoch erschreckend aktuell sind!